Posted: August 9th, 2010 | Author: Mercedes | Filed under: YOU and ME and EVERYONE WE KNOW | 1 Comment »

In den blauen Morgenstunden war die Einsamkeit besonders groß. Heinz gab sich ihr hin, jeden Tag. Nicht gerade mit Vergnügen, aber immerhin mit einer entschlossenen Souveränität. Was dir Angst macht, dem musst du mutig ins Gesicht schauen, hatte sein Vater immer gesagt. Die Einsamkeit allerdings gab Heinz nie eine Antwort, so lange er ihr auch ins Gesicht blickte. Anfangs machte ihre Schweigsamkeit ihn wütend, später lernte er sanft neben ihr her zu laufen. Er lief und lief und lief. Bis sein Haar ganz nass war von dem Tau und bis die Glocken der kleinen Kirche den Morgengottesdienst einläuteten. Ein paar Mal hatte er sich neben die strengen, alten Tanten auf die Gebetsbänke gesetzt, immer den Wunsch in sich tragend, die Religion doch noch zu einer trostspendenden Heimat zu machen. Er hatte es schließlich aufgegeben. Mit einem funktionierenden Gehirn, da war er sich sicher, war das schlichtweg nicht möglich.
Posted: August 8th, 2010 | Author: Mercedes | Filed under: YOU and ME and EVERYONE WE KNOW | No Comments »

Frederico ergriff Besitz von der Welt, in dem er sie zeichnete. Der Druck, mit dem er die Bleistiftmine auf das Papier drückte, war oft so gewaltig, dass sie brach. In diesem Fall wühlte er den roten Platsikspitzer eilig aus seiner kleinen Hosentasche hervor, spitzte aufgeregt nach und setzte erneut an. Es dauerte keine Minute, bis die Mine wieder sprang. Es war, als konnte Frederico seinem Bild gar nicht genug Ausdruck verleihen: Sein Zeichnen war weniger Abzeichnen als ein gewaltiges Abreißen und Wiederaufbauen – jeder, der ihm zusah, musste den Eindruck bekommen, er wolle das Original mit seiner Zeichnung vollständig durchpflügen, auf dass endlich Luft an die dahinterliegende Wahrheit käme.
Posted: August 2nd, 2010 | Author: Mercedes | Filed under: NOTIZBUCH | No Comments »

Das Internetportal “Atlantic Wire” sucht derzeit nach den langweiligsten Artikeln aller Zeiten. Im Feuilleton der SZ-Wochenendausgabe erschien dazu ein ganz und gar nicht langweiliger Text von Alex Rühle, dem die beiden großartigen, oben stehenden Sätze entnommen sind.
Posted: Juli 13th, 2010 | Author: Mercedes | Filed under: NOTIZBUCH | 2 Comments »

Und ich auch nicht.
Posted: Juni 30th, 2010 | Author: Mercedes | Filed under: YOU and ME and EVERYONE WE KNOW | 1 Comment »


Manchmal roch die Isar wie angeleckter Negerkuss, dachte Elektra. Sie beobachtete ihre nassen Zehen. Wo war ihre große Schwester Myfluga in diesem Moment?
Es fiel Elektra schwer, sich vorzustellen, dass andernorts etwas passierte, von dem sie nichts wusste. Es war wie mit den Büchern. Jedes Mal, wenn sie eines zuklappte, überfiel sie ein mysteriöses Gefühl. Was passierte da zwischen den Buchdeckeln, wenn sie nicht dabei war? Drehte die Geschichte sich in einer Dauerschleife? Waren die Figuren des Buches da im Dunklen plötzlich frei, liefen wirr durcheinander und erfanden sich neu? War das Buch nur das Tor zu einer anderen Welt? War es vielleicht tatsächlich wie in der unendlichen Geschichte? Oder war dann doch einfach bloß Stille und schwarze Buchstaben auf weißem Papier?
Elektra entschied sich der Vernunft halber für letzeres. Sonst musste man ja verrückt werden. Aber Moment – hieß das nicht auch, dass der Rest der Welt still stand, wenn sie nicht dabei war? Nein, das waren ja zwei unterschiedliche Paar Schuhe. Sie griff nach der Bierflasche im Kies und nahm einen großen Schluck. Es war ihr erster Sommer mit Bier, sie war jetzt in der Oberstufe. Grund genug zu beschließen, dass sie nun zu alt für solche kindlichen Weltverdrehgedanken war, dachte sie und verzog das Gesicht. Warum war Bier denn bloß immer so bitter?
Posted: Juni 16th, 2010 | Author: Mercedes | Filed under: YOU and ME and EVERYONE WE KNOW | No Comments »

Erna war tot. Jetzt gab es nur noch Heinz. Nur noch Heinz und alles, was Heinz wollte. Und Heinz wollte Fußball. Wozu Blumen, wenn es Fußball gab, dachte er. Er steckte die letzte Pappfigur mit einer gelben Pinnnadel fest und lächelte. Bestimmt würden viele Kinder hier vorbeilaufen. Heinz würde dann am geöffneten Fenster stehen und ihnen zu winken. Er würde ihnen eine Geschichte erzählen, ein Sommermärchen. Er würde sie fesseln mit seinen Worten. Und sie würden Fragen stellen, immer mehr Fragen, sie würden strahlen und lachen und am nächsten Tag würden sie wiederkommen. Sie würden immer noch mehr Geschichten hören wollen, die Kinder, so lange, bis Heinz ein Machtwort sprechen müsste. Bis er sagen müsste: “Jetzt reicht es aber, ihr müsst in die Schule, sonst kommt ihr zu spät!” So wäre das, ja, so wäre das, den ganzen heißen Sommer lang. Und am Ende würde er sie verschenken, die Pappfiguren, den Kunstrasen, die kleinen Fahnen. Und die Kinder würden sich darum reißen, die kleinen, die hoffnungsvollen, die neugierigen. Und vielleicht würden sie sich auf ewig an ihn erinnern, den alten Mann am Fenster mit dem tollen Spielfeld und den spannenden Geschichten. Vielleicht würden sie noch ihren eigenen Kindern davon erzählen, später, wenn Heinz schon lange nicht mehr wäre. Er seufzte leise. Erna hatte nie Kinder gewollt.
Posted: Juni 9th, 2010 | Author: Mercedes | Filed under: NOTIZBUCH | No Comments »
Manchmal lehne ich mich völlig ab.
Heinz Erhardt
Posted: Juni 8th, 2010 | Author: Mercedes | Filed under: NOTIZBUCH | 1 Comment »



Nymphenburger Schlossparkbesitzerin, kopfüber (made out of virginal birds)
2010
Posted: Juni 2nd, 2010 | Author: Mercedes | Filed under: FRAGENZETTEL | 4 Comments »
Soll ich mir die Augenbrauen blond färben / will ich ein Pferd / wo wohnt das Internet / soll ich meine Unterhosen in den Kühlschrank tun, wie das Mädchen aus der Cola Werbung von früher / brauche ich mehr Matratzen / wann höre ich auf zu denken, alles Gute sei nur dünnes Eis und bald geschmolzen / wo bleibt das, was gestern war / und wie groß ist das jetzt schon / könnte ich singen, wenn ich mich bemühte / was wäre, wenn meine Eltern sich nie getrennt hätten / gibt es wirklich Leute, die sich vor ihrem Körpergeruch ekeln / werde ich eines Tages wie Karlsson vom Dach wohnen / was macht Kelly jetzt / wäre es besser, eine Weile im Wald zu wohnen / ist das Mädchen aus Island jetzt schon ein echter Kapitän / wer erinnert sich an mich / was hat mir der Schwede aus Malaysien in mein Tagebuch geschrieben / wer wohnt in meinem alten Kinderzimmer / wird meine Mutter jemals einsichtig werden / wo wohnt mein Vater in fünfzehn Jahren / werde ich jemals aufhören das Essen so zu lieben / wann höre ich auf davon zu träumen, dass mir mein Abitur wieder weggenommen wird / wann lebe ich in Island / wann lebe ich in Amerika / wann lebe ich in Südamerika / und wann sehe ich Rich wieder / wie wären die drei Geschwister, die ich eigentlich noch hätte / sind die irgendwo / ist da überhaupt was / sind Religionen nicht Jacke wie Hose / wo ist meine Schultüte / wann kommt der kleine Kröterich / wann trinke ich die Flut / wann mache ich all diese Reisen, von denen ich träume / wer ist der zufriedenste Mensch der Erde / war H. wirklich eine Prinzessin / wer war ich denn dann / hätte ich das Waffeleisen kaufen sollen / wer fühlt wie ich / warum ziehe ich bei Losen nur die Nieten / was waren das für Stimmen die ich als Kind gehört habe / wo sind die Kaninchen / was hat sie sich dabei gedacht / was hat er sich dabei gedacht / was hat das mit den Kronen zu bedeuten / wie kann ich mich in Geduld üben / muss ich mich in Geduld üben / wann habe ich mein eigenes Baumhaus / was macht Boat Tony jetzt / war Hippie-Greg ein Mädchenmörder und ich habe einfach nur noch mal Glück gehabt / denkt Herta wirklich, ich hätte ihre Vasen / sind unsere Rotweinflecken noch auf der Ron Of Argyll / warum ist mir so warm / was bringt der Sommer / was bringt der Winter / schaffe ich das, was ich mir vorgenommen habe?
Posted: Juni 2nd, 2010 | Author: Mercedes | Filed under: NOTIZBUCH | No Comments »
Jetzt brannten auch die anderen Türme, die ganze Stadt brannte. Jetzt glühte der Fluss.
Ich trieb in purem Gold.
aus “Deutschland eine Reise” von Wolfgang Büscher