Springzeit

Posted: März 1st, 2010 | Author: Mercedes | Filed under: WIE DU WILLST, ICH TUE MICH SCHWER MIT SCHUBLADEN | No Comments »

“Fünf“, dachte Myfluga, “fünf Matratzen, das muss reichen!” Ein letztes Mal trat sie fest gegen die oberste Matratze – dass sie auch ja stabil auf dem Haufen lag. Dann rannte sie auf Zehenspitzen zurück ins Haus. Die Straße war kälter, als sie in ihrer Begeisterung geglaubt hatte. Oben in der Wohnung drehte sie die Musik etwas lauter und setzte sich zurück auf das warme Fensterbrett. Auf dem Dach des Nachbarhauses glänzten die Antennen in der Sonne, hinter ihnen leuchtete ein blauer, wolkenloser Himmel. Heute morgen im Café hatte sie ihren Pullover ausziehen müssen, weil die Sonne so brennend heiß auf ihren Rücken schien. Sie hatte dann immerzu ihre nackten Arme ansehen müssen, ganz vorsichtig, als hätte sie das Verhältnis zu ihnen in der Öffentlichkeit verloren. Sie sah noch einmal zu dem Fenster hinauf, hinter dem der Mann mit dem dicken Bauch wohnte. Vorhin hatte er sie hier sitzen sehen und gelacht. Dann hatte er sein Fenster geöffnet und die Arme auf- und ab bewegt, als sei er ein Vogel. Jetzt war er verschwunden. Myfluga blickte hinunter auf den Matratzenhaufen und atmete tief ein. Dann stieß sie sich mit aller Kraft nach vorn. Nun war sie in der Luft. Es war Frühling.


Casual pressure

Posted: Februar 15th, 2010 | Author: Mercedes | Filed under: WIE DU WILLST, ICH TUE MICH SCHWER MIT SCHUBLADEN | 3 Comments »

Myfluga kletterte aus dem Jackenschrank und rannte durch den Flur in das Atelier ihres Vaters. Sie griff nach dem großen Eimer mit der tiefschwarzen Farbe und steckte sich einen auf dem Boden liegenden Pinsel in den Mund. Sie zog den Eimer zur Treppe und hievte sich diese stolpernd und eilig hinauf. In dem größten ihrer vier Zimmer setzte sie den Farbpott stöhnend ab, spuckte den Pinsel auf den Boden und schüttelte angewidert den Kopf. Immerzu musste sie würgen, wenn sie sich etwas zwischen die Zähne steckte. Dann riss sie den Deckel des Farbeimers hinunter und dachte an die gerade auf einer alten Postkarte gelesenen Worte. Mit eifernden Augen malte sie den bedeutungsvollen Satz klatschend und in großen, tropfenden Buchstaben an die weiße Wand ihres Zimmers. Als sie fertig war, nahm sie einige Meter Abstand, atmete auf und ließ sich langsam zur Seite wegkippen.


Honeymoon

Posted: Februar 14th, 2010 | Author: Mercedes | Filed under: WIE DU WILLST, ICH TUE MICH SCHWER MIT SCHUBLADEN | 1 Comment »

“Himmel, hat der Halbmond einen Ständer! Die Sterne reiben sich in Scharen an seinem gelben Schwanz. Ich glaub’ heut hat der Sommer Schnaps gesoffen: Die heiße Nacht nimmt mich von hinten: voll und ganz!”

(Und alle so: Valentinstag! Und sie so: Sommer! Freiluftsex!)

Gedicht: Barbara Maria Kloos – Münchner Honeymoon


I told you to be balanced,

Posted: Februar 4th, 2010 | Author: Mercedes | Filed under: WIE DU WILLST, ICH TUE MICH SCHWER MIT SCHUBLADEN | No Comments »

…I told you to be fine. Pour a little salt – we were never here  (they can’t see how we’ve always been everywhere)


Lèvres de sang-Lips of Blood(1975)

Posted: Januar 29th, 2010 | Author: Mercedes | Filed under: WIE DU WILLST, ICH TUE MICH SCHWER MIT SCHUBLADEN | No Comments »


Posted: Januar 27th, 2010 | Author: Mercedes | Filed under: WIE DU WILLST, ICH TUE MICH SCHWER MIT SCHUBLADEN | 1 Comment »

Where we’re going we don’t know, we’ll find out tomorrow, if we find out at all


Posted: Januar 27th, 2010 | Author: Mercedes | Filed under: WIE DU WILLST, ICH TUE MICH SCHWER MIT SCHUBLADEN | 1 Comment »

Um 11:34 am Mittwochmittag schob Vien Boa die Palette mit den leeren Kartons in den Hinterhof. Ein Stück des rosafarbenen Kartons hatte sich zwischen den vereisten Rädern verfangen und fluchend riss er daran herum bis es abfiel. Er hatte gestern Nacht wieder nicht mit seiner Frau geschlafen – beinahe acht Monate hatten sie nun schon kein Sex gehabt. Sein Leben schien ihm bedeutungslos und banal. Er hob den pinken Fetzen nicht auf.

Um 12:39 legte Marlene, das sechsjährige Mädchen aus dem dritten Stock, deren Eltern in der Nacht zuvor mal wieder so lauten Sex gehabt hatten, dass sie aufgewacht und erschreckt war, ihren pinken Plastikpropeller neben das rosafarbene Stück Pappe. Es sah schön aus so. Sie blieb ein paar Minuten stehen, betrachtete die Farben im Eis und hoffte, dass jemand ihre Kunst bemerkte, heute oder morgen.


Kopfsprung

Posted: Januar 24th, 2010 | Author: Mercedes | Filed under: WIE DU WILLST, ICH TUE MICH SCHWER MIT SCHUBLADEN | 2 Comments »

Myfluga leckte sich die schwarzen Finger ihrer linken Hand ab und zog dann mit der rechten den kakaoverschmierten Löffel aus der klebrigen Schokomasse empor. Sie hatte gerade sechzehn Schokoladenkaramellbonbons gegessen und sich dazu auch noch diesen Becher dickflüssigen, puren Kakaos einverleibt. Mit voller Zungenbreite fuhr sie am triefenden Löffel entlang. Der Schokoladenmatsch fühlte sich fantastisch an zwischen Zähnen, Zunge und Gaumen. Hätte ihr jemand einen Zuber voll Schokolade hingestellt, sie wäre ohne zu zögern hineingesprungen. Sie wollte diese warme, zuckrige, alles gutwerdende Masse am ganzen Körper spüren. Dabei fand Myfluga Schokolade sonst an sich gar nicht so aufregend. Was war nur in sie gefahren? War das jetzt etwa dieses typische Mädchensyndrom? War es das, was diese Mädchen, die Myfluga hasste, meinten, wenn sie sagten: “Schoki, ich liebe Schoki, ohne Schoki kann ich nicht leben!” Es fuhr ihr ekelschaudernd durch die Arme. Mädchen die “Schoki” sagten, sagten auch zu Knoblauch “Knofi“, fanden sich immer irgendwie auf eine soapstarartige Weise süß und lustig zur gleichen Zeit und waren nicht mehr weit davon entfernt Tupperparties zu geben. Dann öffnete Myfluga ihre schokoladenverschmierten Lippen, sagte laut: “Einen noch!” und griff erneut in die Bonbonschale. Während sie die Schokolade gierig kaute und genussvoll in ihrem Mund hin und her manschte, dachte sie: wie konnte man den besten Teil des Wortes Schokolade nur einfach so weglassen? “..lade“, das war schön, das war saftig, das war fließend. Wie Roulade.


Thousand years from now

Posted: Januar 23rd, 2010 | Author: Mercedes | Filed under: WIE DU WILLST, ICH TUE MICH SCHWER MIT SCHUBLADEN | 2 Comments »

Wie auch immer diese Frau hieß, die jetzt vor ihr saß und auf die sich die Fotografen gestern schon wie die Geier gestürzt hatten. Sie mochten sie bereits zur neuen Lady Gaga gekürt haben – Myfluga  wusste, wer sie wirklich war. Sie kannte sie aus dem Land der arabischen Turmköniginnen – fünf Kinder hatte sie dort und einen Mann, der mehr einem Wolfswesen als einem Menschenwesen glich. Ihr Name war Myriel – seiner fiel Myfluga nicht mehr ein. Vielleicht hatte er keinen Namen gehabt. Die beiden hatten sich vor tausend Jahren ineinander verliebt, Myriels ausufernde Leidenschaft und ihr Talent ihm mit einem einzigen Blick direkt ins verwucherte Herz zu starren, hatten ihn fast wahnsinnig gemacht. Myfluga blickte auf ihre goldene Uhr, die das Datum anzeigte. Ja, tatsächlich, genau tausend Jahre war das jetzt her. Seltsam, an was man sich erinnert, dachte sie kopfschüttelnd und wandte sich ab. Beim Umdrehen stieß sie mit Eva Padberg zusammen. Myfluga mochte ihr Parfum.


Lachsleder und Mädchenträume

Posted: Januar 22nd, 2010 | Author: Mercedes | Filed under: WIE DU WILLST, ICH TUE MICH SCHWER MIT SCHUBLADEN | 1 Comment »

Am Freitagabend um 20:34h hob August Diehl den Deckel des glatten, schwarzen Schächtelchens, das er eine Minute zuvor aus seinem Goodie Bag gezogen hatte, an. Sechzig Sekunden lang war er von Matthias Schweighöfers Erzählungen über dessen kleine Tochter davon abgehalten worden, es zu öffnen. Als seine Fingerspitzen nun das dünne Seidenpapier darunter auseinanderschoben und er hineinblickte, zerfiel sein neugieriger Blick in tausend Einzelteile. Er schaute sich schnell um, die anderen waren abgelenkt, niemand fing seinen verwirrten Blick auf. Langsam griff er jetzt erneut zwischen die hellen Papierfetzen und zog einen offensichtlich schon einmal gebrauchten, völlig zerknautschen Pfefferminzteebeutel hervor. Bräunliche Striemen zogen sich batikhaft das Seidenpapier empor, der Boden des Schächtelchens war undefinierbar dunkel verfärbt. Der Beutel musste nass hineingelegt worden sein – und das vor Tagen, denn jetzt war alles getrocknet. August räusperte sich, fand seine Stimme, blickte nochmals auf und viel zu schnell stolperte ihm ein: “Wer…?” heraus. Er starrte Matthias erwartungsvoll an, doch der erwiderte seinen Blick nicht. Er war zu beschäftigt, den Hintern einer großgewachsenen, blonden Frau vor ihm zu mustern. “Matze!”, stieß er ihn seitlich an. Dieser drehte sich daraufhin endlich um. August grinste auf einmal, dippte den mysteriösen Teebeutel kurz in sein Glas Schampus, steckte ihn blitzschnell in Matthias Hemdkragen und fing an zu lachen. Matthias schaffte es gerade noch, den Teebeutel herauszuziehen, ihn zwischen seine Füße zu schmeissen und August einen Vogel zu zeigen. Dann donnerte laute Musik durch den Friedrichsstadtpalast. Die Jungs richteten ihre Augen gebannt auf den Laufsteg. Die Luft wummerte jetzt und aus dem Dunkel schritt im Scheinwerferlicht ein atemberaubend hübsches Mädchen auf hohen Absätzen – August lehnte sich zurück. Der Champagner wallte angenehm durch seine Adern.

Der in jenem schwarzen Schächtelchen gefundene Teebeutel sollte ihm erst Jahre später wieder einfallen, als er in einem Teehaus in Tokio statt des bestellten Jasmintees einen Pfefferminztee serviert bekam.

Myfluga hingegen erfuhr nie, was drei Tage, nachdem sie den triefenden Teebeutel kichernd in das Seidenpapier hatte klatschen lassen, geschehen war. Sie hatte sich zwanzig Sekunden nach der Tat für nicht ganz bei Trost erklärt und gehofft, dass nicht Michalsky persönlich aus irgendwelchen Gründen auf die Idee kommen würde, dieses eine Päckchen zu öffnen.